Erlebnisse

Es ist manchmal schon seltsam.
Ich nehme ab, fühle mich gut, der Flow ist da und wie durch Zauberhand kommt das Stimmchen in meinem Kopf aus seinem Appartment gekrochen.
Erst so unterschwellig. Es wirft nur einzelne Worte in den Ring.
Stellt euch mein Gehirn ungefähr so vor:

„Dumdidum. Ah, Baby-Fütterzeit, danach eben Altglas wegbringen, Wäsche waschen, dann mit Baby spielen. Dumdidum. Kleinen Kaffee trinken, während Baby Yu mit den Rührschüsseln spielt. Oh, Geschirrspüler ist fertig. EIERLIKÖRBERLINER. Wo ist denn meine Lieblingstasse? Ach da hinten. Moment? Was war das gerade eben? Irgendwas mit Berlin? Hmmm. Komisch. Ach, wollte ja noch bei Mama anrufen. Muss ich gleich mal machen. Aber die EIERLIKÖRBERLINER arbeitet bestimmt noch. Warte ich mal noch. Dumdidum. Oh, Babylein braucht ne neue Windel. Hoffentlich zappelt sie nicht wieder über den kompletten Wickeltisch. Ah, wir brauchen noch EIERLIKÖRBERLINER neue Windeln. Muss ich gleich noch holen. Hä? Berlin? Was ist denn heute immer mit Berlin. Hach, Mist, wo ist denn jetzt die Strumpfhose von Baby Yu? Ach EIERLIKÖRBERLINER da ist sie ja….“

Dann stehe ich irgendwann im Supermarkt mit den Windeln an der Kasse und sehe von dort aus den Bäckerstand. Und da liegen sie: Eierlikörberliner.
Und jetzt wird das Stimmchen richtig munter.
„Ich will will will will aber! EIERLIKÖRBERLINER!“
Und es nervt und nervt und nervt und ich werde genervter und genervter.
Die Stimme will verhandeln, Kompromisse aushandeln, mich überreden.
Dabei steht die Antwort fest: ES GIBT VERDAMMT NOCH MAL KEINE BERLINER!

Jedenfalls, das ist ganz ganz oft ein sehr kritischer Punkt bei mir. Da gerate ich ins wanken. Das Essen kann noch so lecker und abwechslungsreich sein, aber ich sehe auf einmal nur noch, was alles nicht passt.
Und oft bin ich schon trotzig geworden und habe gedacht „Ich bin schon groß. Ich esse EIERLIKÖRBERLINER wenn ich es will. HA!“
Tja. Das war dann immer der Anfang einer langen, ungebremsten Fresserei. Mit einigen Kilos Plus kam ich dann irgendwann wieder zu Sinnen und schluchzte „Was hab ich bloß getan? Ich könnte schon so viel weiter sein!“

So. Aber diesmal nicht. Nein.
Diese Gedankenscheiße fing nämlich wieder mal an. Aber ich habe es diesmal bemerkt, bevor die Arschlochstimme überhand nehmen konnte und bevor ich klein beigegeben habe.
Und es gab Erlebnisse, die mir das vereinfacht haben.

Zum Beispiel war Familie Yubaba einkaufen. Hier im Ort steht zwei mal die Woche ein Fischwagen vor dem Einkaufstempel. Dort kann man frischen Fisch, aber auch Backfisch, Fischfrikadellen und Kibbelinge kaufen.
Herr Yu hat ein Herz für Kibbelinge und stellte sich in die Schlange.
Ich stellte mich dazu. Die Arschlochstimme schon wieder leise mäkelnd: „Ich will auch Kibbelinge. Aber nein. Ich DARF ja wieder nicht. Mümümü. Mämämä.“
Und dann fiel der Blick auf eine ältere Frau vor mir. Sie war sehr, sehr dick. Sie konnte sich – und das sage ich nicht um zu übertreiben – kaum bewegen. Ihr Haar war strähnig und schütter und sie wirkte ziemlich müde. Ein bisschen so, als hätte sie schon lange aufgegeben.
Da durchzuckte es mich und  ich sagte hinterher, natürlich nicht in Gegenwart der Frau, zu Herrn Yu: „Ich war ja schon wieder angefressen, dass ich keinen Backfisch essen konnte. Aber dann hab ich die Lady vor uns gesehen und da wurde mir wieder klar, warum ich so oft verzichte. Ich möchte so nicht alt werden.“
Herr  Yu antwortete: „Wieso alt? Die war in meiner Parallelklasse.“
Ihr könnt Euch vorstellen, wie ich geguckt habe.
Und ohne der Dame irgendetwas zu wollen – denn schließlich soll jeder leben wie es ihm beliebt und wer wäre ich das zu verurteilen? – für mich war das wie eine Kopfnuss. Das hat mich tagelang beschäftigt. Ich habe dadurch wieder einmal erkannt, dass ICH es in der Hand habe. Dass ICH entscheide.

Aber es gibt natürlich auch schönere Erlebnisse, die einen auf den „Pfad der Tugend“ zurück bringen.
So geschehen letzte Woche. Wir waren, wieder einmal, einkaufen. Diesmal aber in Bekleidungsgeschäften.
Und nein, jetzt kommt kein „Woohooo ich habe zwei Kleidergrößen verloren!“. Es kommt was anderes.
Leute, ich kann bzw. könnte mir Ringe kaufen. Modeschmuck. Einfach so. Von diesen ollen Ständern. Was daran so toll ist? Ganz einfach: Das ging früher nicht. Selbst die XL-Ringe passten nur zur Hälfte oder auf den kleinen Finger. Und wenn mal einer irgendwie passte, sah das quetschig und wurstig aus.
Jetzt kann ich die Ringe munter rauf und runter stecken. In L.
Ich weiß, diese Ringgrößen sind auch nicht das Wahre um sich irgendwo einzuordnen, aber Leute, echt mal. Das geht jetzt. Einfach so.
Klar, habe ich gemerkt, dass meine Finger schmaler geworden sind. Immerhin rutschen Verlobungs- und Ehering fröhlich hin und her und ich muss aufpassen, dass ich sie nicht verliere, wenn ich unüberlegt wild mit den Armen rumfuchtel. (Was ich durchaus oft tue. 😀 )
Es sind eben manchmal doch die kleinen Dinge, die mich erfreuen und mir helfen, wenn ich mich mal gerade etwas auf meinem Weg verlaufen habe.

 

Advertisements

7 Gedanken zu “Erlebnisse

  1. Ich muss sagen, mich motiviert es auch immer wieder durchzuhalten, wenn ich Leute in einer Gewichtsklasse sehr die ich nie erreichen will, die eben nicht gesund aussehen. Auch nicht böse gemeint, aber ich glaube es ist normal, dass einen das motiviert.

    Das mit den Ringen find ich toll – ist mal was neuen zu den ganzen Kleidergrößen Ding 😉

  2. Solche Erlebnisse lassen einen sehen was man geschafft hat, was man erreichen will und was man niemals möchte.

    Solche Erlebnisse sind toll, auch wenn sie auf Kosten anderer (ehem. Mitschülerin) gehen.

    Dadurch bist du schon so viel weiter. Und du wirst auch noch viel weiter kommen 🙂

  3. Du hast eine ganz zauberhafte Art, zu schreiben! 😀

    Ja, ja, wer kennt sie nicht, diese vermaledeiten Stimmen in Kopf, aber du bist ganz offensichtlich auf einem guten Weg und die wichtigste Erkenntnis hast du ja schon hewinnen: DU hast es in der Hand und DU wirst dein Ziel erreichen! 👍

    Hab einen schönen Tag! ☺

  4. Herzlichen Glückwunsch zum Flow.
    Ich habe am Sonnabend ganz oft an Dich gedacht.
    Da habe ich ein LCHF-Seminar mit Sudda Sudda besucht.
    Es war ein wunderbarer Tag mit ganz vielen Gleichgesinnten.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s