Phase 3

Ich habe hier auf meinem Schnuckelblog schon oft erwähnt, dass ich zuckersüchtig bin.
Vielleicht zu oft in Nebensetzen wie „Einmal Junkie, immer Junkie“ etc.
Aber heute will ich mal ganz explizit über diese Sucht schreiben.

Oft ernte ich irritierte Blicke, wenn ich sage, dass ich LCHF vor allem auch gewählt habe, weil es mir hilft meine Zuckersucht in den Griff zu bekommen.
„Zuckersucht. Jetzt ist sie total durchgedreht.“ kann ich dann in vielen Augen lesen. „Jeder isst doch gerne mal süß.“ bekomme ich dann als Antwort.
Aber mit „süß“ allein hat das noch nicht mal unbedingt etwas zu tun.

Doch fangen wir mal ganz anders an. So wie ich bei meiner Recherche.
(Ohoooo, Frau Yubaba recherchiert, bevor sie einfach wild auf die Tasten kloppt und hofft, es möge ein veröffentlichbarer Artikel dabei entstehen? Sapperlot!)
Ich habe nach den verschiedenen Phasen für eine Sucht gesucht.

Schnell fand ich eine Liste mit 6 Punkten, die typisch für eine Suchterkrankung sind.

  1. Zwang, die Droge zu konsumieren
  2. Kontrollverlust
  3. Immer mehr wollen
  4. Die Droge wird zum Lebensmittelpunkt
  5. Gebrauch der Droge wider besseren Wissens
  6. Entzugssymptome

Dann ging ich mal Punkt für Punkt durch.

Zwang
Ja, den Zwang zu essen kenne ich. Wie oft habe ich schon gesagt, oder auch hier geschrieben, dass irgendwelche Lebensmittel mich so lange „genervt“ haben, bis ich sie gegessen habe. Das kann zum Beispiel eine Tüte Lakritz sein, aber auch ein Kuchen, Plätzchen oder Toastbrot.
Das Essen ging mir nicht aus dem Kopf, bis ich endlich klein beigegeben habe.
Immer mit dem Vorhaben „nur eine Hand voll“, „nur ein Stück“, „nur eine Scheibe“.
Erst mit dem Biss in das jeweilige Produkt war die innere Stimme ruhig. Aber nur kurz.
Was ohne Umwege zu Punkt zwei führte, dem

Kontrollverlust
Der Kontrollverlust ist mir auch wohlbekannt. Denn aus „nur eine Hand voll“ wurde irgendwie, ganz unbemerkt „Huch, die 300g Lakritz sind ja leer.“ oder „Hoppla, wo sind denn die 2 Rollen Softcakes hin?“
Und dann kommt die Stimme wieder, die ich gerade doch erst mit dem Essen ruhig gestellt hatte. „Naja, jetzt ist die Tüte leer, aber da ist doch noch Kuchen von gestern.“
„Nein, das wäre jetzt eklig, Stimme.“
„Ach ach ach. Kuchen! Kuchen ist lecker. Und egal ist es nach der Tüte Lakritz sowieso schon!“
Naja, kurz gesagt, ging dann auch alles andere Verlockende drauf. Nach und nach. Und irgendwann wurde ich „wach“ und sah, was ich alles gefressen hat. Ja, gefressen.
Ohne es richtig zu spüren, wahrzunehmen. Es geht gar nicht um den Geschmack, es geht ums Essen an sich!

Immer mehr wollen
So. Am Anfang macht man vielleicht ein, zwei mal so ein Fresstival.
Doch irgendwann wird die Ausnahme zur Gewohnheit. Abends nach einem schweren Arbeitstag muss doch verdammtnochmal eine Belohnung drin sitzen! Also wird ein Becher Eis gekauft. Am liebsten amerikanisches Erdnussbuttereis mit Erdnussbutterschokolade darin. Wenn schon denn schon.
Und ich könnte ja nur so eine kleine Kugel, so als süßen Ausgleich für den bitteren Arbeitsalltag.
Aber nein, plötzlich ist der Becher leer. Eine ganze Packung Eis ist in mir verschwunden.
Und ein Riegel Schokoalde reicht schon lange nicht mehr, lieber gleich eine Tafel.
Und wer isst schon eine Hand voll Chips? Leer sein, muss sie die Tüte.
Eine Scheibe Toast? Ha. Das ist ja gar nichts. Lieber gleich mal 4 Scheiben auftoasten und anschließend noch mal 2.
Irgendwie wird das Essen immer wichtiger und wichtiger und  bald ist es der

Lebensmittelpunkt
Echt Leute, bei dieser Suchtphase habe ich erst gedacht: „Wasn Quatsch, also das trifft auf mich ja so gar nicht zu!“
Und dann hab ich überlegt.
Es gab Zeiten in meinem Leben, da saß ich im Kino und habe während des Films nur darüber nachgedacht, was ich beim anschließenden McD/BK/KFC/Wasauchimmer-Besuch essen würde. Den. ganzen. verdammten. Film. lang.
WIE TRAURIG IST DAS BITTE?
Es gab weitere Situationen in meinem Leben, die aus meiner Sicht nur mit bestimmten Lebensmitteln perfekt wurden.
Mit dem schlonzigen Burger plus die Nuggets plus die Pommes bitte groß.
Mit der heißen Schokolade am Ende des Winterspaziergangs.
Mit dem Eis beim Stadtbummel.
Einige werden jetzt sagen, „aber na, das gehört doch auch mal dazu. Sich was zu gönnen!“
Aber das war (ist) bei mir anders. Das Essen hatte mehr Bedeutung, als die Aktivität selbst. Versteht ihr?
Und das führte auch schließlich zum

Essen wider besseren Wissens
Ich sah und fühlte, wie ich dicker und dicker wurde. Dass die Hosen enger, die Auswahl im Laden kleiner und die Stufen hoch in den zweiten Stock mysteriöserweise irgendwie immer mehr wurden. Ich sah auch Zahlen auf der Waage, die alles andere als gesund waren. „Ich bin zwei schlanke Frauen schwer!“
Und was tat ich? Essen. Weiter essen, was nicht bei drei auf dem Baum war.
Und einfach  nur um zu essen. Auch wenn ich mittags schon eine komplette Mahlzeit gegessen hatte. Auch wenn ich eigentlich überhaupt keinen Hunger hatte. Nur weil das Scheißzeug einfach verfügbar war.

Entzugssymptome
Oh ja. Die kenne ich. Schlechte Laune, das ewige Kreisen der Gedanken um das Essen.
Das ewige Gejammer, dass man verdammtekackenochmal jetzt Schokolade braucht, um den Tag überhaupt zu überstehen.
Alle essen Schokolade, wieso darf ich nicht? Ein Stück Schoko, komm nur ein Stück! Und so weiter und sofort.
Besonders krass ist natürlich der Entzug, den ich bei der Umstellung auf LCHF durchmachte.  Die sogenannte „Low Carb Grippe„.
Ich fühlte mich einfach matschig. Hatte rasende Kopfschmerzen. War müde und übellaunig.
(Diese Beschwerden sind darauf zurückzuführen, dass der Körper nun keine schnellverfügbaren Kohlenhydrate vorgesetzt bekommt, an die er so gewöhnt ist, sondern lernen muss, seine Energie anders herzustellen. Glücklicherweise ist man nach ein paar Tagen da durch und fühlt sich danach energiegeladener denn je. Klickt mal auf den Link, wenn ihr das genauer wissen wollt. Ich kann das bei weitem nicht so gut erklären.)

Nun, ich konnte mich also in allen Phasen wieder erkennen. Schon schön.
Und ich sage Euch, es ist verdammt schwer sich das einzugestehen, dass das eben kein normales Essverhalten ist, sondern ganz klares Suchtverhalten.

Mit LCHF ist es sehr viel einfacher, diese Sucht im Zaum zu halten. Ich habe es schon mal irgendwo erwähnt. Der Blutzuckerspiegel bleibt gleichmäßig ruhig, es gibt keine Heißhungerattacken mehr, es ist Ruhe in Frau Yubaba angesagt.
Das heißt nicht, dass ich nur noch so durch die Gegend hüpfe und keine Verlockungen mehr kenne. Bestimmt nicht. Ich mein, es ist gerade Vorweihnachtszeit.
Natürlich mache ich große Augen, wenn ich an den Weihnachtsspezialitäten im Supermarkt vorbei laufe. Ich liebe Spekulatius, Dominosteine, Rumkugeln, Lebkuchenherzen, Blätterkrokant und diverse Weihnachtsschokoladen.
Mir läuft das Wasser im Mund zusammen, wenn ich den Duft einer Bäckerei rieche, oder Pommesgeruch herangeweht kommt.
Und ja, es ist schwierig immer nein dazu zu sagen, aber es fällt mir eben leichter, wenn mein Blutzucker stabil ist und ich nicht gerade mit der nächsten „Unterzuckerung“ durch die Regale stromere.
Und immer begleitet mich die Frage: Ist es das Wert? Ein Dominostein, der der erste Stein auf der Straße zurück zur Völlerei sein könnte? Nochmal die Umstellungsbeschwerden? In alte Muster zurück fallen? Was willst Du wirklich?
Es ist Arbeit. Für mich ist es harte Arbeit.

Und wie kam ich überhaupt auf den ganzen Kram mit der Sucht?
Durch einen Artikel, den Sudda aus dem Schwedischen übersetzt hat.
Hier ging es auch um verschiedene Phasen der Zuckersucht und die große Frage, wo man sich selbst einordnen kann.
Verfasst wurde der Artikel ursprünglich von My, einer schwedischen Lady, die 80 kg mit LCHF abnahm und sich ihrer Zuckersucht stellte.

Nun. Ich las den Artikel und stellte mit Entsetzen fest, dass ich Anzeichen von Phase 3 zeigte. Daraufhin heulte ich erst mal ein wenig. Es tut, wie bereits gesagt, weh, sich sich selbst stellen zu müssen.

Aber nun. Es ist, wie es ist. Und ich bin bereit gegen meine Sucht anzukämpfen.
Ich habe gute Werkzeuge zur Hand und ich erkenne immer öfter die Schlingen und Fallen, die mich wieder in die Graserei treiben wollen.
Hoffen wir, dass das so bleibt.

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8 Gedanken zu “Phase 3

  1. Was für ein ehrlicher Artikel! Hut ab! Ich wünsch Dir (und mir…), dass du deine Zuckersucht dauerhaft im Griff hat und nie wieder andersherum! Du schaffst das, bin ich mir sicher!! 😡

  2. Manches kommt mir echt bekannt vor…ich hab manchmal auch gegessen bevor ich zu einer Essenseinladung ging…?? Hab ich auch nie nachvollziehen können…oder als Strohwitwe hab ich auch alles verputzt was mir in die Finger kam…Der Umstieg auf LCHF hat das alles gestoppt. Ich gehe wirklich einfach an den Weihnachtsplätzchen vorbei….mir fehlt nur die Tradition…Ausserdem bin ich von beiden Elterseiten Diabetesvorbelastet…..gibt es eine bessere Vorbeugung….

  3. Oh ja das klingt als würdest du mich beschreiben! Das erste mal erahnt habe ich, dass ich diese Sucht habe, als ich vor 8 jahren zu meiner großen Tochter schwanger war und meine Frauenärztin mich auch Diabetesernährung (später stellte sich heraus unbegründet) ungestellt hat. Mir sind 2 wochen lang die Leute aus dem Weg gegangen. Die Sucht und die Hormone dazu, eine krasse kombi. Es gab Tage da habe ich mich von morgens bis abends nur von süßen Zeug ernährt. Also ich kenne das! Ich habe das selbe Problem und es wird nie enden! Als ich mal mit einem Raucher über meine Sucht sprach konnte ich mir anhören, dass das ja nun gar nicht zu vergleichen ist! Mit Süßem (haha als wäre nur da zucker drin..) kann man ja easy aufhören.. Deshalb hab ich mit kaum jemanden mehr darüber gesprochen!

  4. Das sind alles manifestierte Riten, die man von Kind an beigebracht bekommt.

    Im Alter sowas abzulegen ist echt schwer.

    Ich lege mich auch regelmäßig mit meiner Schwester an, die ihrer Tochter Bonbons verspricht, wenn sie gut isst.

    Da könnt ich kotzen.

    Hab sie dann mal gefragt, ob sie möchte, dass ihr Kind später mal ne dicke Trulla werden soll, die sich ständig mit süßem belohnt, wenn sie einen guten Tag hatte.

    Es kamen nur verstörte Blicke zurück.

    Deinen Bericht finde ich ganz toll. So offen, ehrlich und direkt.

  5. Oh wehhh… ich glaub ich bin in Phase 4 😀
    Aber hey, ich bin grad echt hochmotiviert 🙂

    Das krankeste was ich mal gemacht hab… einen riesen Berg nudeln essen, Teller und Topf spülen und als der Mann dann auf seinem Weg nach hause fragte, ob ich schon gegessen hätte und ob er Burger mitbringen soll, ein überzeugendes „NEIIIIN ich hab tierisch hunger“ über meine Lippen kam…
    Wenn ich mir das so ins Gehirn rufe, finde ich mich echt ekelig!

    • Ach, ich kenne solche Aktionen auch.
      Heimlich im Auto während der Fahrt Schokoriegel essen…. heimlich das Nutellaglas auslöffeln oder die Erdnussbutter…. 300g Pralinen inhalieren, wenn man den Abend allein verbringt….

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