Das volle Verwöhnprogramm

Na, klingt diese Überschrift nicht super einladend? Geht nicht sofort ein Film im Kopf los, was das wohl heißen könnte?
Hat nicht jeder sofort sein persönliches Verwöhnprogramm vor Augen?
Einen ganzen Tag im Spa verbracht?
Eine entspannende Massage bekommen, danach noch sauniert und abends lecker im Lieblingsrestaurant gespeist?
Zuhause mit einem Dreigängemenü bedacht worden?
Mal wieder den Friseur aufgesucht und alles machen lassen? Schneiden, tönen, waschen, föhnen?
Vielleicht mal bei der Pediküre/Maniküre gewesen und die Nägel aufhübschen lassen?

Klingt alles super, oder? Und so positiv. Immer heißt es, man muss sich mal was gönnen, sich auch mal verwöhnen lassen. Klingt kein Bisschen negativ, oder? Alle werden Dir recht geben, wenn Du sagst „Den Tag im Spa, den hatte ich mir echt verdient. Man muss sich auch mal ein wenig betüddeln lassen. Das tut so gut.“ Keiner wird sagen: „Nee, Du. Das würd ich an Deiner Stelle aber nicht machen, hinterher wirst Du noch zum unsozialen, egoistischen Tyrannen, der seine Umwelt schikaniert! Obacht!“

Nein, keiner wird das sagen. Außer Du bist ein Säugling.

Dann mahnen plötzlich alle, dass man das kleine Wesen „bloß nicht verwöhnen“ soll.
„Jetzt nimm das Kind doch nicht bei jedem Mucks hoch, du verwöhnst es ja nur.“
„Das Kind muss auch mal schreien. Das muss das ab können.“
„Vooooorsicht! Babies testen Dich! Die wollen nur gucken, ob einer kommt, wenn sie schreien. Das geht ganz schnell, dann hast Du ein ganz rotzeverwöhntes Balg zu Haus.“
„Das Kind hat ganz schnell raus, wie es Dich in den Griff bekommt. Pass nur auf.“
„Du lässt das Kind bei Dir schlafen? Tzäh! Wirste schon sehen, was Du davon hast!“

Wenn man diese Kommentare so liest, könnte man meinen, Kinder kommen auf die Welt, schauen sich einmal um, um festzustellen, wer denn jetzt diese naive Bezugsperson ist und fangen dann direkt mit dem Ränkeschmieden an, einfach so. Aus purer Boshaftigkeit.
Ich wette, wenn Little Miss Yu glücklich glucksend Löcher in die Luft starrt, ist ihr gerade wieder ein diabolischer Plan in den Sinn gekommen, wie sie ihre dämlichen Eltern heute wieder vorführen kann. Dafür sind Babies immerhin bekannt.

Warum immer diese Angst vor dem Verwöhnen? Und wieso bedeutet „verwöhnen“ bei Erwachsenen, dass man es sich richtig gut gehen lässt, während bei Kindern immer dieser negative Unterton mitschwingt? Dieser mahnende Beiklang, dass man, schenkt man seinem Kind zu viel Liebe (WTF?), einen egozentrischen, kleinen Mistkäfer heranzieht.
In meinen Augen, kann man einem Kind nicht zu viel Liebe und Aufmerksamkeit schenken. Schon gar nicht, wenn es sich um einen ein-paar-Wochen-alten Säugling handelt.

Mal davon abgesehen, dass ich nichts schlimmes daran finden kann, auf die Bedürfnisse meines Babys einzugehen.
Einen Säugling kann man nicht verwöhnen im Sinne von verziehen. Das ist es doch, was eigentlich gemeint ist, oder?
Dass man ein verzogenes kleines Gör heranzieht.

Aber:
Ein Baby weint niemals ohne Grund. Nein, da steckt kein „Testen“ und „An der Nase herumführen“ dahinter.
Ein Baby weint aus vielerlei Gründen. Wegen Hunger, Durst, voller Windel, Müdigkeit, weil es sich krank fühlt, aus purer Angst davor, allein zu sein. Ja, es weint auch aus Langeweile, denn es will lernen.
Freuen sich nicht alle Eltern, wenn ihr Kind etwas neues kann? Ja? Dann muss man auch etwas dafür tun, dass es immer neue Impulse bekommt, dass es nicht immer unbeachtet unter dem gleichen Mobile liegt und vor sich hin vegetiert.

Das Baby hat sich nicht ausgesucht auf diese Welt zu kommen. Die Eltern haben beschlossen, dass sie ein Kind wollen. Und dass sich mit einem Kind alles ändern würde, ist (den meisten) Eltern schon vor der Geburt klar.
Sicher, in welchem Ausmaß sich alles ändert, das merkt man tatsächlich erst, wenn der kleine Wonneproppen da ist.
Und auch da gibt es Unterschiede.
Das eine Kind ist „pflegeleicht“, wie es so schön heißt. Es schläft viel, weint kaum und macht beim Trinken keine Probleme.
Das andere Kind ist, was gemeinhin als „schlechter Schläfer“ bezeichnet wird. Es lässt sich eben nicht einfach irgendwo ablegen und träumt dann selig vor sich hin. Es braucht Dich. Deine Nähe. Will getragen und beschützt werden.

Und das tust Du dann. Automatisch. Und schon kommen von allen Seiten die Kommentare.
Die erste Frage, wenn man Bekannte trifft, ist sowieso immer „Uuuuund? Schläft sie schon durch? Nein, immer noch nicht?! Sie schläft nur bei Dir? Na, da habt ihr ihr ja schon was tolles angewöhnt!“
Deswegen antworte ich auf die berüchtigte Frage nach dem Schlafverhalten wahrheitsgemäß: „Och geht eigentlich. Sie meldet sich so alle 3-4 Stunden.“ Weg lasse ich den Teil, dass sie nur in meinem oder Herrn Yus Arm friedlich schläft.
Zu oft musste ich mir den Verwöhnvorwurf schon anhören.

Oder ansehen. Ja, das geht auch. Und zwar, wenn der Gesprächspartner nichts vom Verwöhnen sagt, aber an seinem Naserümpfen und seinem überheblichen Grinsen direkt zu erkennen ist, dass er genau das denkt.

Das Schöne ist, wie bei allem neuen, man wächst da so rein. Anfangs irritierten mich die Kommentare noch. Ich überlegte, ob es nicht vielleicht doch an mir liegt, dass  mein Kind ist, wie es ist. Ob ich mich nicht irgendwie „durchsetzen“ müsste.
Doch die Gedanken schwanden. Mein Kind zeigt mir ziemlich deutlich, was es braucht und das habe ich ihm bestimmt nicht anerzogen. Es kam auf die Welt und wollte Nähe. Direkt. Es wollte nicht alleine schlafen.

Verständlicherweise.
Fast 40 Wochen kannte es keinen Hunger, keinen Durst, keine Schmerzen, keine Kälte. Es wurde nicht herumgereicht, gemessen, gewogen, in grelles Licht gehalten. Es war nie allein, nie war es still um das Kind. Es hörte das vertraute Rauschen meines Blutes, das Blubbern des Fruchtwassers, meinen Herzschlag, es hörte wie mein Magen knurrte und auch, was mein Darm so für Geräusche abgibt und es gewöhnte sich bereits an meine Stimme. Es war (fast) immer in Bewegung, weil ich mich bewegte. Es war laut, warm und kuschelig in seiner heilen Welt untergebracht.
Und dann plötzlich ist dieser paradiesische Zustand vorbei. Alles ist anders, alles ist neu, unbekannt und furchteinflößend.

Wenn ich mir vorstelle, dass ich unter Schmerzen und großer Anstrengung aus meinem bisherigen Leben, in dem ich mich so schön eingerichtet habe, in dem ich mich auskenne und sicher fühle, gerissen werde, um in eine völlig andere Umgebung geschmissen zu werden, in der ich mich von jetzt auf gleich zurecht finden soll und in der alle von mir erwarten, direkt zu funktionieren, dann finde ich das ziemlich beängstigend.

Also liebe Zweifler, Warner und Mahner: redet ruhig übers Verwöhnen, rümpft Nasen, zuckt Schultern und rollt Augen.
Es. ist. mir. egal.

Und übrigens: Es gibt Kaffee mit Verwöhnaroma. Seid mal vorsichtig, dass der Konsum Euch nicht zu Tyrannen macht.

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4 Gedanken zu “Das volle Verwöhnprogramm

  1. Ich bin sicher, dass Du eine ganz tolle Mutter bist. Ich stimme jedem Deiner Worte zu. Ein Baby hat nur eine Möglichkeit, seine Bedürfnisse auszudrücken: nämlich zu schreien. Und wenn es merkt, dass da Menschen sind, die dieses Schreien ernst nimmt und die ihm Wärme und Nähe geben, dann kann es auch das so wichtige Urvertrauen entwickeln. Mit Verwöhnen hat das rein gar nichts zu tun. Meine Jungs haben auch beide bei uns im Bett geschlafen, und auch als sie älter waren durften sie zu uns unter die Decke, wenn sie schlechte Träume oder Ängste hatten. Geschadet hat es nicht, beide sind sehr früh selbständig geworden und kommen jetzt als Erwachsene sehr gut klar. Also, lass Dich nicht irritieren. Du als Mutter weißt am besten, was Dein Kind braucht 🙂

  2. Ganz, ganz toller Text!

    Du hast damit den Nagel auf den Kopf getroffen.

    Du bist die Mama bzw. ihr seit die Eltern. Und nur ihr wisst was euer Kind braucht und was richtig ist.

  3. Hallo Frau Yu,
    Mein Kompliment ! Das ist genau die richtige Haltung! Nicht beirren lassen.
    Das mit dem Grenzen austesten kommt erst mit ca. 2 Jahren und auch dann sind Kinder nie böswillig oder hinterhältig.
    Ich fand immer den Stress machen die anderen Leute. Wenn das Baby am besten auf dem Mamabauch oder Papbauch einschläft habe ich weniger Stress gehabt als wenn ich krampfhaft versucht habe das Kind in die von wem auch immer aufgestellten Schlafverhaltensnormen zu pressen. Das gilt genauso fürs Essen – da wollen auch immer alle mitreden!
    Nicht irre machen lassen 😉
    Einen schönen Sonntag
    Beate

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