Ich werd zum Einsiedler

Hab ich manchmal das Gefühl.
Also nicht, weil ich mich zu Hause verschanzen, mit der Schrotflinte am Fenster lauern und auf spielende Kinder, streunende Hunde oder anrückende Zombies schießen würde. Nein, nein. Ich bin ja friedliebend.
Außer die Zombies rückten tatsächlich an. Dann würde ich doch schon mal handgreiflich werden. Aber meine Zombie-Phobie ist ja wieder eine ganz andere Baustelle.

Nein, manchmal habe ich das Gefühl, dass mich die Ernährung zum Eremiten macht. Man könnte es auch Heimscheißer nennen.
Wieso? Weil ich mich zu Haus essenstechnisch am sichersten fühle. Ich weiß genau, was drin ist. Ich weiß genau, wie ich es zubereitet habe und ich weiß genau, dass es meinem „Ernährungsplan“ entspricht.
Bin ich unterwegs, gibt es schon auch Möglichkeiten mich zu ernähren, aber es ist immer eine Ungewissheit dabei.
Und dabei ist es vollkommen egal, welche Art der Ernährung ich gerade verfolge.
Als ich noch den Punktezählern angehörte, war auswärts essen für mich ein Graus. Selbst wenn ich Salat mit Putenbruststreifen bestellt habe… was ist in dem Dressing? Ist die Pute womöglich paniert? Wieviel Fett wurde zum Braten genommen? Wieviel Gramm waren das jetzt wohl?

Bei LCHF ist das nicht anders. Klar ist, ich vermeide einfach offensichtliche Kohlenhydrate. Das ist noch nicht das Schwierige. Lässte halt die Pommes zum Steak weg, oder die Bratkartoffeln.
Aber wie sieht’s mit der Kräuterbutter aus, oder der Remoulade/Mayo sonstwas? Da können KH-mäßig echte Überraschungen drin stecken.
Auch hier: was ist wohl in dem Dressing? Ist die Sauce mit irgendwas KH-haltigem gebunden worden? Ist die Ente so knusprig, weil ein Hauch Panade drüber gestreut wurde? Zaziki beim Griechen? Hmmjaaa, wer weiß, kann auch bös enden.

Diese ganze Ungewissheit führt dazu, dass ich immer öfter denke: „Ach isste besser zu Hause, da weißte, was es gibt.“
Ist nicht schlimm findet ihr? Nee, eigentlich auch nicht. Ist ja meine Entscheidung, ist alles für mein Wohl, aber manchmal fühle ich mich so ungesellig damit. Wie ein kleiner Heimscheißer eben, der einen wahnsinnigen Essens-Spleen pflegt und Angst vor der großen bunten Welt hat.

Noch ungeselliger wird es, wenn es um das Thema Getränke geht. Ich gehe nicht auf ein Bier in die Stadt, ich gehe auf nen Tee in die Stadt. Oder ein Wasser, oder 5 Wasser und 3 Tee und einen Espresso. Jaaahaaa, ich weiß, das Gesellige ist das Reden, Lachen, Leute gucken, gemeinsam irgendwo sitzen. Aber dieses auf „bestimmte Getränke beschränkt sein“ nervt mich dann und wann.
Klar, ich werde auf der Waage für meine Konsequenz belohnt, aber in dem Moment, in dem alle um mich herum Kakao/Punsch/Latte Macchiatto/Cocktail/Saftschorle bestellen, fühle ich ganz deutlich einen Verzicht. Da kann ich zu Hause noch so viel Sahnekaffee trinken, es macht das Verzichtgefühl nicht wett, weil ich wieder an zu Hause gebunden bin damit. Mal davon abgesehen, dass ich die aufgezählten Getränke auch einfach gern trinke.

Was ich damit sagen will?
Ich finde es manchmal wirklich, wirklich hart und schwer mich damit abzufinden, dass ich mein Leben lang abwägen werden muss.
Ich würde gerne mal wissen, wie es ist, das Thema Ernährung völlig bei Seite zu schieben und das zu bestellen – sei es Essen oder Getränke- wonach mir gerade der Sinn steht. Ohne gleich im Hinterkopf zu haben „Das wirst Du bereuen.“, „Das solltest Du nicht essen/trinken.“. Das kenne ich nicht mehr. Ich werde immer analysieren, mitrechnen, verzichten und mitdenken müssen.

Jetzt und später. Immer.
Und immer kann einem wirklich wie ein Riesenberg vorkommen.

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10 Gedanken zu “Ich werd zum Einsiedler

  1. Das klingt wie ein Essstörung.

    Tu dir bitte selbst den gefallen und nimm es nicht immer zu ernst. Was nützt dir ein schlankeres Leben, wenn du es nicht geniesen kannst? Daher empfehle ich dir: Lass Kohlenhydrat Kohlenhydrat in der Soße sein und packe nur das weg, was offensichtlich ist.

    — von einem, dem es genauso ging und geht

  2. Ich glaube das Problem hat jeder der probiert abzunehmen. Und warscheinlich auch jeder der mal Abgenommen hat.
    Nur weniger oder mehr ausgeprägt. Wobei ich schon glaube, dass Diäten die expliziet etwas ausschließen nicht auf Dauer geeignet sind. Also Verzicht auf Kohlenhydrate oder Fett.(ist aber nur eine persönliche Meinung)
    Aber auch Veganer haben denke ich oft das problem sozial etwas ausgegrenzt zu werden. Überall kann man als Veganer nicht essen gehen.
    Ich gönne mir gern auch mal einen Kakao, auch wenn ich weiß, dass er viele Kalorien hat. Ab und an übertreib ichs und bereue es. Wenn ich aber bewusst genieße bereue ich keine einzige Sünde.

  3. Ich gebe Bitfreak absolut Recht!
    Erst gestern waren wir mit Freunden beim Griechen und ich hatte die Wahl: Gehe ich der Bedienung nun dermaßen auf die Nerven und erfrage wirklich jede Zutat, ohne genieße ich den Abend und esse? Ich habe mir Gyros mit Tzaziki bestellt, ohne Pommes und ohne Reis. Und es gab Salat dazu, mit Dressing. Und auch den habe ich gegessen. Und weil ich gaaaanz wild war, habe ich mir noch eine kleine Cola light bestellt. Der Abend war toll, das Essen war super und mir geht es gut.
    Ich habe gleich von Anfang an meiner LCHF Karriere gesagt, wenn wir auswärts essen gehen, esse ich zwar soviel wie möglich LCHF, aber ich werde nicht analysieren! Denn dann wirst Du wirklich zum Eremit und Heimscheißer ;).
    Und wenn man mal essen geht, oder mit Freunden in eine Kneipe, dann muss man Fünfe auch mal gerade sein lassen. Dann nimmt man in der Woche eben keine 500 bis 800 g ab, Shit happens! Aber man hatte einen schönen Abend, oder Nachmittag und das finde ich viiiiel wichtiger, als das was die Waage sagt.
    Also, hau rein Kapelle! 😉

  4. Hui, da ist viel Wahres dran! Aber ich denke auch, dass man sich nicht ständig selbst geißeln soll, denn wir leben doch nur einmal und mal ehrlich – willst du bis ans Ende deiner Tage verzichten, egal, wie vernünftig es wäre?
    LG, Haike (die sich ab und an bewusst was Gutes gönnt)

  5. Dem geschriebenen meiner beiden Vorschreiber kann ich mich nur anschließen.
    Ich bin ja noch nicht so lange bei LCHF aber aber ich habe ziemlich schnell gemerkt, dass ich auch dazu neige alles auf die Goldwaage zu legen…
    Aber das kann nicht nur für dich zur Qual werden, sondern auch für Freunde und Familie auf Dauer ziemlich Anstrengend 😉
    Genieß das Leben – und hau ruhig ab und zu mal aufn Putz und trink nen Latte Macchiato… 😉 Die KH kannst du ja woanders wieder einsparen wenn du unbedingt willst.

  6. Mir geht es oft genauso, dass ich mich aus allem ausgegrenzt fühle. Vor allem weil essen ja doch irgendwie ein Gesellschaftsevent ist. Wenn es dann aber wirklich essen geht, dann scheue ich mich auch nicht davor meine Extrawünsche dem Kellner kund zu tun (bitte mehr Kräuterbutter, Dressing extra etc.) ansonsten lasse ich das offensichtliche weg. Bevorzugt gehe ich am liebsten indisch essen oder griechisch, da weiß ich wie der Hase rennt. Allerdings genieße ich das dann eben alles auch bewusst und esse am nächsten Tag normal weiter. Du gehst doch sicher nicht jeden Tag aus, oder? 😉 Oh und wie Petra: Wenn ich Bock hab, dann trink ich auch die Cola light und dann reichts aber auch wieder für ne Weile.
    Ich weiß, man will alles richtig machen und effektiv abnehmen, aber abnehmen soll ja auch Spaß machen und nicht zum Selbstzweifel werden. Wenn du dir ab und wann was aus vollem Herzen gönnst, dann geht es dir bestimmt nicht mehr so einsiedlerisch unter den Leuten. =)
    Übrigens hab ich mir auch unter anderem aus dem Grund den Blog angeschafft, weil ich so das Gefühl habe, dass ich mit meinem Essen nicht so alleine bin, nicht so heimscheißerisch. Keine Ahnung, wer wann und wo und ob überhaupt jemand meine Rezepte nachkocht, aber ich habe zumindest das Gefühl, dass ich mir mein Essen nicht allein reingeschaufelt habe. Irgendwo wird irgendjemand irgendwann mal vielleicht auch etwas davon probieren und kurz an mich denken. Allein dafür hat sich das dann schon gelohnt.
    (Monsterkommentar galore…) 😉

  7. Ich schließe mich meinen Vorschreibern an.
    Ich kenne diese Gedanken – sehr gut sogar. Derzeit versuche ich mich davon aber einwenig zu trennen. Es ist schwer, da die Stimme im Hinterkopf noch verdammt laut ist. Aber mal ganz ehrlich, wenn man in einer geselligen Runde oder mal auswärts essen geht, wird das sofort auf der Waage sichtbar? Nein, so lange es nicht täglich vorkommt. Solche Tage tun den Körper auch mal ganz gut – Refeed/Cheat-Day 😉 Ich mache mir auch viel lieber mein eigenes Essen, weil ich weiß, was da drin ist. Es macht mir aber auch nichts aus, mir ein Wasser zu bestellen, wenn sich andere ein Kaffee oder Bier oder Cola bestellen. Das wird irg’Wann zur Normalität und ist irg’wann kein MUSS mehr 😉 Klar, werd auch manchmal dumm angeguckt aber mal ehrlich, wenn dich die Menschen danach beurteilen, was du trinkst, isst oder machst und dir das negativ anrechnen, dann frag ich mich, wer da das größere Problem hat 😉

    Fang an zu leben und lass dich nicht so doll von diesem Thema beherrschen 🙂

  8. Liebe Frau Yu,

    du gehst doch nicht jeden Tag auswärts essen, oder?
    Wenn du dir ein ungefähr passendes Essen ausgesucht hast, bei der Bedienung nett nachgefragt und die Sättigungsbeilage in was anderes getauscht hast, DANN ISS!
    Menno. Mach dir nicht solchen Druck. Das klingt mir viel zu anstrengend.

    (Und übrigens hab ich noch nie eine genervte Bedienung bei meinen Fragen/Bitten erlebt. Sollte das je der Fall sein, würde ich dort nicht mehr hingehen. Ich hab da ja die freie Wahl. Musste auch nie einen Aufpreis zahlen – hätte ich aber in Kauf genommen.)

    Dann ist es einen Tag eben nur 99%ig. Und selbst wenn du dann für 1-3 Tage etwas mehr Wasser eingelagert hast… das geht auch wieder weg.

    Und ich geh nicht zum Tee in die Stadt, wenn andere Bierchen trinken. Ich nehm dann ein Glas guten, trockenen Wein.

    Ich drück dich.

  9. Hört sich ja nicht berauschend an, hm?

    Meinste ein Tag mit Freunden wirft dich so weit mach hinten?

    Und ganz, ganz ehrlich, Schnuckel… Wenn man draußen keinen Spaß mehr hat, sollte man sich überlegen, ob der Weg, den man geht, der richtige ist.

    Klar ist schlanksein schöner. Das wollen wir alle hier. Aber wenn man nur noch verzichten muss, fällt man zurück.

    Genehmige dir einen Tag in der Woche, oder überlege dir, ob es nicht doch besser ist, einen anderen Weg einzuschlagen.

    Hört sich alles sehr nach Frust an 😦

    Fühl dich mal ganz doll umgeknuddelt.

  10. Ich kenne das auch. Man wird denke ich nie ganz von dem Denken weg kommen. Aber ich habe seit einiger Zeit gemerkt, das ich mir auch hin und wieder (1x/ Woche) mehr gönnen kann, ohne das es sich auf der Waage langfristig wiederspiegelt. Wichtig ist das es Ausnahmen bleiben und dann passt es. Man genießt und ist zufrieden und hält so auch durch. LG desweges

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