Wer bin ich?

Ich bin momentan in einer Denkphase.
Habt ihr so was auch? Also denken tu ich schon jeden Tag, so ists’s nicht,  aber intensiv über etwas nachdenken, grübeln und analysieren, das kommt immer in unregelmäßigen Schüben bei mir vor.
Und da ihr süßen Leserleins immer wieder hier vorbei gesurft kommt, müsst ihr da nun durch. 🙂

Oft hört man von dicken Menschen, dass sie die Person, die sie im Spiegel sehen, nicht mit sich selbst in Verbindung bringen können.
„Das bin nicht ich.“ Gefühl und äußerliche Erscheinung driften auseinander.
Innendrin, da ist man vielleicht ein aufgedrehter, lustiger Mensch, der aktiv ist, sein Leben liebt und sich selbst liebenswert findet. Und dieser Mensch scheint gefangen zu sein, in einem zu dicken Körper.
Der dicke Körper hindert dich am aktiv sein, am lustig sein, am aufgedreht sein und – am schlimmsen von allem- auch noch daran, Dich selbst liebenswert zu finden.

Und da schnackte, wie die liebe Sudda es immer sagt, mein Gehirn nach hinten und fing wieder mal an zu wühlen und zu rotieren.

Ist es wirklich so, dass „der Körper“ einen hindert, das zu sein, was man gerne wäre?
Verbringt man wirklich bewusst Zeit seines Lebens damit, nicht man selbst zu sein?
Was hindert einen wirklich daran, man selbst zu sein?
Ist „der Körper“ nicht auch irgendwo eine bequeme Ausrede? Ein guter Grund, den man immer parat hat, vor allem für sich selbst?
Denn jemand anderem gegenüber sagt man eher selten: „Nee, da mach ich nicht mit, dafür fühl ich mich zu fett.“ sondern wird erfinderisch: „Nee, Du, dabei hab ich mir schon mal übel weh getan. Seitdem mach ich das nicht mehr.“
Oder ähnlich. So hab ich das jedenfalls immer gemacht. Ob mein Gegenüber das geglaubt hat, war mir in dem Moment auch egal, Hauptsache ich musste „den Körper“ nicht thematisieren.

Es gibt Dinge, die kann und konnte ich, tatsächlich auf Grund meines Gewichts, einfach nicht tun.
Klettern im Hochseilgarten z. B.
127 kg mit eigenen Händen und Armen tragen? Geht einfach nicht. Jedenfalls nicht, wenn man untrainiert und schwabbelig ist, wie ich es war. Nee, ich hing wie ein nasser Sack auf der Seilbahn des Übungs-Parcours und habe es nicht mal da geschafft, mich selbst vorwärts zu hieven.
Hochnotpeinlich.
Direkter Tiefschlag ins Ego.
Wieder mal hat „der Körper“ alles versaut. Denn eigentlich bin ich doch voll sportlich, ey! Mein blöder Körper nur nicht.

Und irgendwann kommt dann so eine leise Ahnung. Vielleicht hat man die auch schon viel länger irgendwo leise im Kopf summen, aber man überhört sie nur allzu gern. Die Ahnung oder auch die Erkenntnis: „Fuckadoodledoo. Doch DAS da bin ich. Ich wäre gerne jemand anders, aber das da im Spiegel, das bin ich.“
Vielleicht ist das Innerste auch einfach bei einem alten Status hängen geblieben.
Bei schlankeren Zeiten. Zeiten, zu denen man sich wohl fühlte, sportlich war, in enge Klamotten passte.
Und dieses Bild ist innendrin noch gespeichert. Klar, denn zu solchen Zeiten schaut man sich meistens auch viel lieber im Spiegel an. Schaut genau hin, wie die neue Hose sitzt.
Wenn man sich erst mal einen größeren Körper zugelegt hat, dann schaut man nicht mehr so gern und genau hin.
Dann geht’s Zackzack-raus ausm Schlafanzug- rin inne Buxe. Ohne Hingucken.

Ihr glaubt nicht, was ich für Schockmomente erlebt habe auf Dienstreisen. In Hotelzimmern, in denen im Bad direkt gegenüber der Dusche Riesenspiegel angebracht waren.
Zu Hause huscht man an allem, was einen irgendwie reflektieren könnte, pfeilschnell vorbei und dann stehst Du da, nackt unter der Dusche und siehst dich, wie Du behäbig aus der Wanne steigst.Wie Dein Körper aussieht. So ganz von oben bis unten.
Du erschreckst Dich und entschließt: „Ich guck einfach nicht hin. Das da im Spiegel, pah, das ist nur eine Groteske meiner selbst. Eigentlich bin ich ganz anders!“

Dass man erst weniger, dann gar nicht mehr zum Sport ging – ausgeblendet.
Dass das Kochen weniger und das Irgendwasschnellesessen mehr wurden – ausgeblendet.
Dass sich erst der Stretchanteil der Hosen vergrößerte und dann auch Schritt für Schritt die Hosengröße an sich – ausgeblendet.
Dass es plötzlich keine Fotos mehr von einem selbst gibt – ausgeblendet.

Leute, ich weiß nicht, wie das funktioniert, aber es funktioniert.
Ich frage mich oft genug, wie ich es so weit kommen lassen konnte. Und ich finde keine logische Erklärung.

Gut, dann fängt das Abnehmen an. „Der Körper“ wird sich noch umgucken.
Die ersten Erfolge kommen und plötzlich hat man das Gefühl: „Ich komm wieder bei mir an. Ich werd immer mehr zu mir.“

Yay! Man jubiliert und freut sich. Guckt wieder genauer hin. Wird allerdings auch kritischer als je zuvor.
Ein Bisschen ist so, als könnte man jetzt, da man einmal richtig hingeguckt hat, gar nicht mehr weg schauen.
Nicht weil einem immer alles so gut gefällt, sondern auch, weil man immer guckt, wo es noch was zu verbessern gibt.

Und da schnackte mein Hirn schon wieder zurück und stellte fest: das ist alles traurig.

 

Es ist traurig, dass man sich selbst belogen hat.
Es ist traurig, dass man mit sich nicht achtsam war.
Es ist traurig, dass man immer kritischer wird und sich selbst weiter unter Druck setzt.
Aber vor allem ist es traurig, dass man eine ganze Zeit lang meint, man wäre nicht man selbst.
Dass man sich selbst nicht in allen Gefühlslagen und Körperformen akzeptiert und sagt: „Ja, auch das bin ich.“ und stattdessen immer auf ein besseres Ich wartet.

 

Wir gehen so oft so überkritisch mit uns selbst um. Würden wir das mit Freunden machen?
Würden wir sie nicht mehr angucken, wenn sie zunähmen?
Würden wir sie belügen und missachten?
Würden wir ihnen immer wieder sagen, sie seien nicht liebenswert, weil sie fett sind?
Sicherlich nicht. Aber mit uns selbst machen wir das.

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4 Gedanken zu “Wer bin ich?

  1. Hach, da hast du den Nagel mal wieder auf den Kopf getroffen.

    Diese Spiegelmomente, in denen man sich angezogen hübsch drappiert denkt „ach ja … eigentlich siehst du doch ganz gut aus“ und dann kommt der unverhoffte Spiegel, die Schaufensterscheibe oder ein Bus und man sieht sich, in normaler Haltung und würde am liebsten brechen!

    Und dann hat man abgenommen und dreht und wendet sich und schaut hier und schaut da … wie sagten Frau Yu und Mama Yu, als ich das erste mal abgenommen hatte, immer so schön?!
    „Guck dir den Spiegelaffen an!“

    Aber es ist so, man kann sich manchmal nicht sattsehen, an dem was man bereits geschafft hat.

    Trotzdem oder gerade weil ich schon einiges geschafft habe, finde ich, vor allem zur Zeit, viele Röllchen, Falten und Rundungen, die ich noch kritischer beäuge als vorher … aber ich denke, das ist der richtige Weg zur normalen Selbsteinschätzung. Ich jedenfalls will meinen Körper mittlerweile genau kennen und nicht in unverhofften Momenten einen Hammer vor die Stirn bekommen und mich vor mir selbst schämen müssen.

  2. Das hätte auch ein Post von mir sein können.

    Ich selbst denke und weiß von mir selbst, dass ich damals, mit 18/19 Jahren ganz anders war. Ich war offener, konnte besser auf fremde Menschen zugehen. Da hatte ich aber auch eine Größe von 36/38.

    Als es dann bei mir, aufgrund des PCOS, anfing, dass ich zunahm, legte sich das alles. Ich war plötzlich nicht mehr spontan, war nicht mehr offen.

    Als ich hier anfing so viel abzunehmen und einige Zeit meine 87 kg hatte, fing ich wieder an, die alte Lina zu werden. Bis ich dann wieder Kilos ansetzte.

    Ich möchte gerne wieder die Lina sein, die ich damals war, aber es ist schwer. Und eigentlich sollte es doch leicht sein, weil man weiß, dass es früher besser war.

  3. Ich kenn das auch. Vor allem, wenn man schon schöne Erfolge hatte und dann alles wieder drauf ist. Dadurch schau vor allem ich immer kritischer in den Spiegel. Bei anderen mach ich das meistens gar nicht und sehe da die Problemstellen nicht, die die Person an sich selbst sieht… Das mit der Wahrnehmung ist manchmal halt echt nicht einfach

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