Harte Nuss

Ich habe gerade an einer ziemlich harten Nuss zu knacken. An mir.
Es gibt Momente, da mag ich mich nicht besonders. Nicht äußerlich, innerlich. Und das ist immer denn der Fall, wenn ich mir selbst nicht treu bin, nicht für mich und meine Überzeugung einstehe. Dann ärgere ich mich über mich und mein fehlendes Durchsetzungsvermögen.

Wie ihr wisst, esse ich LCHF. Das ist auf den ersten Blick eine sehr unkonventionelle Art der Ernährung – widerspricht sie doch allen landläufig bekannten Ernährungsweisheiten. Man tanzt mit dieser Ernährung so dermaßen aus der Reihe.

Und das ist mein Problem. Ich tanze nicht gerne aus der Reihe. Ich verschwinde gerne in der Reihe. Irgendwo mittendrin. Bloß nicht auffallen, schon gar nicht negativ. Bloß nicht als kompliziert, eigen oder wählerisch gelten.

Aber warum nicht? Es geht um mich, darf ich da nicht wählerisch sein? Und was ist kompliziert daran, wenn ich den angebotenen Kuchen ablehne und stattdessen einfach den Kaffee trinke, der daneben steht? Im Gegenteil, eigentlich bin ich da doch ein echt unkomplizierter Gast. Gib mir Wasser und Kaffee oder auch Tee und alles ist gut. Du brauchst für mich nicht backen, einkaufen, „tolles“ Essen auffahren.

Trotzdem gerate ich immer wieder in einen Erklärungszwang. Und weil ich eben nicht gerne negativ auffalle, erkläre ich nicht, sondern druckse herum und suche für mein Gegenüber verständliche Erklärungen, anstatt einfach zu sagen: „Pass auf, ich esse kaum KH, dafür mehr Fett, weil es mir gut tut. Weil ich so abnehme und mich nicht mehr wie der letzte Zuckerjunkie durch die Gegend fresse.“

Und es ärgert mich immer und immer wieder, dass ich einfach nicht den Arsch in der Hose habe zu sagen: „Weil ich das so will. Fertig.“

Bloß keinem auf den Schlips treten, bloß nicht auffallen und mir lieber selbst in den Rücken fallen oder mich mit Notlügen aus der Affäre ziehen. Dabei hasse ich es zu lügen. Auch kleine Lügen finde ich ätzend. Aber es ist einfacher zu sagen: „Oh Du hast Nussecken gebacken? Tut mir leid, ich vertrage keine Nüsse.“ als sich auf eine Diskussion zur Ernährung einzulassen oder eine genervtes Augenrollen zu ernten, weil man ja so komisch isst.

Dabei wäre es doch schon ein Anfang einfach auf solche Angebote mit „Nein, Danke, ich möchte abnehmen“ zu antworten. Das sollte doch wohl eigentlich verständlich genug sein.
Aber auch dann gibt es Reaktionen wie:
„Ach, komm, einmal ist keinmal.“
„Gönn Dir doch mal was.“
„Aber ich hab extra gebacken!“
Die letzte Reaktion finde ich übrigens so richtig mies. Erst mal schön ein schlechtes Gewissen hervorrufen, weil X sich doch so eine Mühe gegeben hat und die wird nun schändlich von mir verschmäht. Tsas! Habe ich denn irgendwann darum gebeten, dass X für mich backen soll? Ich könnte mich nicht entsinnen.

Besonders schön ist auch immer wieder die Diskussion um den Alkoholgenuss. Ab und an trinke ich gerne mal Alkohol. Schmeckt ja auch gut. Aber ich brauche das nicht regelmäßig. Aber immer wenn ich auf Partys / sonstigen Anlässen nichts trinke, werde ich gefragt, wieso.
„Weil ich heute keine Lust auf Alkohol habe.“
Und wieder gehen die Diskussionen los und es wird garantiert noch mindestens 7-mal nachgefragt, ob ich denn wirklich, wirklich nichts trinken will.
Dann wird spekuliert, ob ich nicht vielleicht schwanger bin.
Dann wird bei jeder neuen Runde, die ausgegeben wird noch mal extra betont „Ach Du ja nicht, Frau Yu.“ und im Subtext schwingt ganz leise ein hämisches „Du Spaßbremse“ mit.

Und auch in solchen Situationen habe ich schon geflunkert: „Nee, ich nehme zur Zeit Medikamente.“ oder „Nee, ich fühl mich nicht so gut.“. Eben weil ich wusste, dass das „Nee, ich habe keinen Bock auf Alkohol.“ nur wieder zu müßigen Diskussionen führen würde.
Und ich find das so Banane. Ich muss mich rechtfertigen, wenn ich keinen Alkohol trinke? Es ist also normal, zu trinken, aber wenn man nichts trinkt ist man ein Sonderling? Verdrehte Welt, aus meiner bescheidenen Warte.

Aber ich schweife ab.
Es geht ja eigentlich gerade um meine Unzufriedenheit mit mir selbst.

Ich weiß:
Wer meine Entscheidungen nicht akzeptieren kann, ist kein Freund.
Wer mich und meine Pläne boykottieren will, ist kein Freund.
Wer meine Situation nicht respektiert, ist kein Freund.
Ich muss meinen eigenen Weg gehen.
Ich bin verantwortlich dafür, was ich zu mir nehme.
Ich muss mich nur vor mir selbst rechtfertigen, vor keinem sonst.
Ich weiß das alles, nur fällt mir das Umsetzen manchmal oft schwer, weil ich nicht den Mumm habe, für mich einzustehen.

Deswegen ist das auch ein Vorsatz, der mich seit Jahren begleitet: mich mehr für mich selbst einsetzen.

Ich bin gespannt, ob ich das irgendwann mal auf die Reihe bekomme.

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10 Gedanken zu “Harte Nuss

  1. Das wirst du auf die Reihe bekommen! Denn: Übung macht den den Meister.
    Bei mir war das so, dass ich schon immer eher der Rebell war. Hab ich gemerkt, jemand krittelt ohne Grund an mir rum, hab ich mein bockigstes Gesicht aufgezogen und gesagt: So isses und so bleibt es.
    Allerdings war der Rebell mit 130 kg auch etwas verschüttet.
    Man kann das aber lernen. Denn mit jeder Äusserung wird man stärker.
    Du musst anfangs deine „Komfortzone“ verlassen- ja- und das fühlt sich scheisse an. Deswegen mein Tip:
    Im Vorfeld schon Situationen scannen, in der Vorstellung dein Verhalten einstudieren. Je öfter du das innerlich durchgespielt hast- desto einfacher wird es.

    Und zu dem Satz: „Das hab ich extra für dich gebacken!“ bin ich absolut ANDERER Meinung als du 😀
    Denn: dein Gegenüber hat es sicher lieb und gut mit dir gemeint (für die meisten ist es ja normal, Brot und Kuchen oder zumindest mehr KH zu essen; vielleicht hat auch manchereiner gar kein Problem mit Zunehmen etc).
    Deswegen hat er sich Mühe gemacht, für dich. Dass das für dich nicht passt oder eher gegenteilig ist- das ist doof.
    Und es ist legitim, dass du das äusserst.

    Aber ebenso legitim finde ich es, wenn dein Gegenüber seine Enttäuschung darüber äussern kann.
    In diese Äusserung etwas Missbilligendes und Gemeines reinzuinterpretieren hat glaube ich eher was mit dem eigenen „Problem“ zu tun, sich gerade unpassend in der Situation zu fühlen.

    Just my two cents 😀

    Wann ist deine nächste „Ablehn“-Situation?

    • Jaja, die Komfortzone… es ist echt schaiz schwer für mich, da raus zu gehen.
      Meine nächste Ablehn-Situation steht kurz bevor. Aber ich habe mir fest vorgenommen einfach zu sagen, wie es ist und nicht drumrum zu reden oder Ausreden zu finden. Erster Schritt!

      Und zu dem Kuchendingen: klar, hat er/sie sich Mühe gemacht. Ich würde ja auch nie sagen: „Schön für Dich, aber ich ess das nicht.“
      Da sage ich dann schon eher: „Das ist lieb und der Kuchen sieht echt gut aus, aber ich muss abnehmen.“
      Und DANN kommt „Aber ich hab jetzt extra gebacken. Komm, ein Stück!“
      DAS ist das, was ich ätzend finde.

      • Ja das ist zweifelsfrei ätzend. Da geb ich dir recht. Und wenn man darauf besteht, nichts zu nehmen, kippt die Stimmung *narf* Als ginge es um Lebensmittel.
        Sach ich nur: Ich kuck dir aber gern zu wie du den Kuchen isst (und fett wirst).

        Mann, dass da alle immer so umentspannt sein müssen. Oder?

  2. Liebe Frau Yu,

    du hast dir ein Ziel gesetzt, du möchtest abnehmen und du fühlst dich mit deiner Ernährungsweise wohl und sie tut dir gut! Setz dich gegenüber den Menschen durch. Oft meinen sie es nicht böse und wissen es nicht besser! Aber wenn du jedes Mal eine Notlüge hervorbringst, warum du heute keinen Alkohol trinkst oder keinen Kuchen isst, dann musst du das immer wieder aufs Neue klären! Und hast immer diesen „Leidensdruck“ – übertrieben gesagt.

    Lieber einmal „unbeliebt“ machen, als das Ganze immer wieder aufzuschieben und dich auf Dauer damit unglücklich zu machen!

    Lass dir kein schlechtes Gewissen machen: „Ich hab extra gebacken!“ – Dabei willst du doch abnehmen, um dich wohlzufühlen, gesund zu sein. Weil es dir wichtig ist! Wer sollte da das schlechte Gewissen haben? Ja wohl eher der, der dich dazu drängen will. Ist ja super lieb, dass er seine ‚Wertschätzung äußert und sich die Mühe gemacht hat, das kann man dann ja auch als Ablehnender äußern. Aber deswegen muss man sich nicht drängen lassen. Ich finde, es auf der einen Seite toll, dass du soviel Rücksicht auch auf andere nimmst, aber verlier dich dabei nicht selber!

    Bei Alkohol seh dich das Ganze noch prekärer. Alkohol ist eine Droge! Wenn jemand die heute nicht oder nie trinken will, dann ist das so! Da finde ich es sehr angebracht auch mal auf den Tisch zu hauen, wenn dieser Müll von wegen Spaßbremse kommt. Da krieg ich echt ein Föhn bei dem Thema, solche Leute möchte ich nehmen und schütteln, da muss ich mich echt ärgern…

    Nur meine Gedanken zum Thema. Bin da eher auf Durchsetzung gepolt *hust* Also eher das Gegenteil von dir – was aber ehrlich gesagt auch nicht immer gescheit ist 😀 Eine Mischung aus mir und dir würde mir gut gefallen 😉

    LG

  3. Ich kenn das soooo gut! Erst letztens hat wieder eine Freundin ihre Meinung zum Thema WW rausgelassen: „Das ist doch schrecklich, dieses blöde Punktezählen, das muss man dann ja ein Leben lang machen, und bringen tuts ja auch nix!“ Anstatt zu sagen, dass es mir sehr wohl was bringt und ich mich gut damit fühle hab ich gar nix gesagt und mich erst recht nicht getraut zu erzöhlen, dass ich WW mache.
    Natürlich ist es doof, wenn man so viel Gegenwind von anderen bekommt, obwohl man doch eigentlich weiß, was für einen gut ist. Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass es in manchen Situationen wirklich besser ist den Mund zu halten. Das ist auch ein Form, seinen eigenen Weg zu gehen, ganz nach dem Motto: “ Da rein – da raus“. Denn wie du ja selber schreibst: man muss sich nur vor sich selber rechtfertigen!

  4. Es ist aber auch echt schwer! Nicht bloß für dich, sondern vor allem auch für die Umstehenden. Die verstehen das einfach nicht. Oder wollen nicht. Mir geht es übrigens auch so, dass ich mich dann unnormal fühle und ausgesondert. Und dann gibt es endlose Diskussionen, wieso man so viel Fett isst, was man dann überhaupt noch essen könne.
    Mittlerweile bringe ich mir zu Festlichkeiten meinen eigenen Kuchen mit. Damit sie sehen können, dass ich eben nicht hungern muss. Und zum Abendessen lasse ich den Kartoffelsalat weg und bestelle lieber eine Bockwurst extra. Wenn du sagst, du nimmst mit LCHF ab und es tut dir gut, dann sollte eigentlich keiner was sagen dürfen. Ansonsten ein Machtwort sprechen, dass sie damit leben müssen. Ich spreche mittlerweile alles vorher ab, damit eben keiner ankommt mit „Ach komm, nur heute.“ Übrigens, es ist keine Notlüge, wenn du sagst du verträgst Zucker nicht, dann hast du eben eine Zuckerunverträglichkeit 😉
    Das mit dem zu sich selbst einstehen kommt mit der Zeit.
    Liebe Grüße. =)

  5. Hm, das kommt mir ziemlich bekannt vor. Es jedem recht machen außer sich selbst. Mittlerweile wissen die Leute um mich herum, dass ich nicht so viel trinke. Klar, die Sprüche von wegen, dass ich dann eine Spaßbremse sei, sind mir auch bekannt. Aber mal ganz ehrlich: Wer hat dann das Problem – wir, die den Alkohol nicht wirklich brauchen oder die Anderen? 😉 Sowas hilft und wenn man das mal sagt, dann werden die Leute auch ganz schnell kleinlaut.

    Zieh dein Ding durch – auch wenn es für den Anfang schwer ist. Es lohnt sich 🙂

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