Zum Abschuss freigegeben

Gerade surfte ich mal wieder durch das bunte Blogland, als ich auf Suddas Blog auf einen Post stieß, der wiederum auf Lizzys Blog verweist.

Weil mich das Thema „Beleidigungen“ auch immer wieder beschäftigt und verfolgt, habe ich mir nun mal ein Herz gefasst und veröffentliche einen Post, den ich hier schon länger in den Entwürfen habe, mich aber bisher irgendwie nie zu veröffentlichen traute.
Ich weiß auch nicht wieso.

Hier ist er also:

 

Manchmal fühle ich mich als dicker Mensch wie Freiwild für Diskriminierung, Beleidigung, gut gemeinte Ratschläge und als Komplimente getarnte Ausfälle.

Hier mal eine Top-Liste der Dinge, die ich mir schon (mehrmals) anhören musste:

  • Wieso bist Du eigentlich so dick?
  • Du hast ja ein hübsches Gesicht, wenn Du nur schlanker wärst…
  • Schaut euch mal den Arsch an, was meint ihr wie viele kleinere Ärsche man daraus machen kann?
  • Aha, Du hast also doch einen Hals. (Während meine Mutter mir die Haare hochsteckte, sagte dies ein Bekannter meiner Eltern. Ich war zwölf. Danke. Das hat mir in meiner Entwicklung sehr gut getan.)
  • „Guck Dir die an! Dick und durstig – was sind schon 120 Brötchen?“ (Tipp: Niemals auf Diskussionen mit solchen Flachpfeifen einlassen. Ich hab’s dummerweise getan – aber auf das Niveau  hätte ich mich erst mal runter saufen müssen.)
  • Der Klassiker: „Deutsche Panzer rollen wieder“
  • Pommespanzer
  • Bist Du wieder fett geworden. (Danke, Oma.)
  • Wenn die ins Becken springt, ist kein Wasser mehr drin.
  • Wabbel schwabbel wabbel. (Kreativ. Doch, ja.)
  • Guck Dir die an, die braucht schon zwei Stühle. (Öhh nee?!)
  • Frau Müllermeierschulze ist sowas von dick, da können Sie sich tatsächlich noch hinter verstecken, Frau Yubaba. (Ach, das war ein Kompliment? Sorry, mein Fehler, bei mir kam nur der beleidigende Teil an.)

Warum ist das so?

Gehe ich zu jedem hin, an dem mir etwas auffällt und sage: „Boah, hast Du viele Pickel!“ oder „Du hast voll den krassen Überbiss!“ oder „Ey, Dumbo, klapp die Ohren ein!“ oder „Aaaaalter, wasch Dir mal die Haare, Fettfrisur!“ oder „Deine Zähne sind wie Sterne am Himmel – gelb und total weit auseinander!“?

Nein. Das tue ich nicht. Soll meinetwegen jeder denken was er will. Aber muss man es auch immer aussprechen? Vor allem dann, wenn man weiß, dass man den Anderen damit verletzt?

Was für eine Reaktion erwarten die Leute, wenn sie einem sagen, dass man zu dick ist? Soll man dümmlich lachen und so tun als mache einem das Ganze nichts aus? Soll man ein schuldbewusstes „Ja, ich weiß“ rauspressen und Besserung geloben? Wollen sie einen tatsächlich einfach nur verletzen? Aber warum?

An guten Tagen fällt einem spontan eine lustige Retourkutsche ein, die den anderen verstummen lässt, aber an den meisten Tagen sitzt man nachher zu Hause und denkt  „Hätte ich doch mit XY geantwortet…“

Meine Eltern sagten mir immer, ich solle so vorgehen: Ignorieren, nichts anmerken lassen und einfach drüber hinweg gehen.

So halte ich es bis heute meistens, aber zufriedenstellend ist das nicht. Innerlich ärgert man sich doch und ist getroffen und verletzt.

 

Und dieser kleine, fiese Stich den einem so ein Spruch versetzt, der einen kurz Zusammenzucken lässt, der schmerzt ewig nach und verheilt ganz, ganz schlecht bis nie.

Advertisements

10 Gedanken zu “Zum Abschuss freigegeben

  1. *Klischeeabteilungauf*

    Das liegt bestimmt daran, dass dicke Menschen weicheiige, harmoniesüchtige Kasperles sind, die immer gutmütig sind. Mit denen kann man das machen. Die nehmen einem das nicht krumm und wenn… Wehren tun sie sich auch nicht. Dazu sind die viel zu Softie.

    *Klischeeabteilungzu*

    *rolleyes*

    Es ist echt unglaublich, was da läuft.
    Auch in den Kommentaren zu meinem Post hat es mir mehr als einmal die Sprache verschlagen.
    Mehr als einmal.

    Es ist so traurig.

    Wie las ich letztens…

    SOME PEOPLE NEED A „HIGH-FIVE“….

    … IN THE FACE….

    … WITH A CHAIR!

    Friedvollen Advent an dich.
    Sehr schön geschrieben, Frau Yu!

    • Und um die Klischeeabteilung zu vervollständigen: Dicke sind doch immer so lustig, die können das ab…

      Es ist echt mies was man sich da manchmal anhören muss.
      Tat aber gut, es nun auch mal rauszulassen.

      Danke für Deine Wünsche. 🙂
      Dir auch einen friedlich-schönen Advent, liebe Sudda.

  2. Hallo Liebes! Das ist so unglaublich so verletzend, das rüttelt so am Ich! Frage mich nur immer wieder, was Menschen treibt, Anderen so wehzutun! ist es die Abwertung Anderer, die Einen selbst erhöht? Den eigenen Wert steigern soll?

    Ich fasse es nicht.
    Wünsche dir von Herzen alle Liebe und sei getrost, es gibt auch andere Menschen!

  3. Sowas ist einfach oberkackemegaassig.
    Ich kenne das auch zu Genüge und am schlimmsten ist es doch, dass einem danach so zu Heulen zumute ist. Da können einem noch so viele Leute sagen „Du musst da drüber stehen“, man steht halt einfach nicht drüber. Es ist verletzend, gerade weil es so viele Klischees und Dauerbrenner-Sprüche gibt.
    Meistens wollen die Leute durch solche Sprüche doch nur ihr eigenes Ego pushen. Zu Hause läufts nicht gut, die Frau/der Mann/der Chef/werauchimmer macht Stress und dann kommt einem so jemand wie du und ich gerade richtig. Einmal ordentlich Frust ablassen und sich selber beweisen, dass man DIESES DICKE Problem nicht hat.
    Ich glaube, die Leute erwarten bei sowas gar keine Antwort. Sie wollen einfach nur die Reaktion in deinem Gesicht sehen.
    Ich hatte im ersten Semester eine Situation, in der ein Typ, den ich ich bis dato eigentlich ganz nett fand, hinter meinem Rücken so einen Spruch hat fallen lassen. Die Sympathie war von einer Sekunde auf die andere verflogen („oberflächlicher Ar***“) und ich habe ihn seitdem so gut es ging ignoriert. Jetzt ist er seit kurzem mit einer Freundin von mir zusammen und ich kriege mit wie er sich wundert, dass ich nicht mit ihm rede oder über seine Witze lache. Aber ich werde meine Meinung ganz bestimmt nicht mehr ändern, dass ist meine Art von Rache und Genugtuung! 🙂
    Im Laufe der Jahre habe ich mir auch das angewöhnt, was deine Eltern dir geraten haben: Ignorieren. Oder, wie mein Opa immer zu sagen pflegte: „Und lachen und winken“.
    Sobald man sich was anmerken lässt hat der andere nämlich schon gewonnen.

  4. Der Witz ist, dass diese Leute das auch bei Dumbo, Pickelgesicht usw machen. Ich finde es an sich ok wenn mich jemand auf mein gewicht anspricht – wenn es grade irgendwie theatisch passt. Schlimm finde ich das peinlich berührte oder pseudo-überraschte Reagieren wenn ich selbst völlig normal über mein Gewicht rede – so der Marke „Oh, ich habe gar nicht bemerkt dass du dick bist… huch“^^ Dieses so-tun-als-ob-eine-total-offensichtliche-sache-nicht-offensichtlich-wäre ist auch irgendwie… gnaaah.
    Leute die einfach so drauflosbeleidigen sind bemitleidenswert. Ausser Leuten die genauso bemitleidenswert sind findet das keiner lustig. anstatt das „ziel“ zu blamieren blamieren sie sich doch nur selbst weil jeder halbwegs gesunde mensch in dem moment denkt „was für ein vollidiot“^^
    Btw hatte ich vor einigen Jahren stark abgenommen und zu der Zeit ein Date mit einem ganz tollen Typen. Es war so lange klar dass er nach dem Essen mit zu mir kommt bis er diesen spruch über den fetten arsch der kellnerin machte (die das gehört und ihm hoffentlich ins essen gespuckt hat^^). das date war dann vorbei. so kanns gehen^^

  5. Liebe Frau Yu,
    Du sprichst mit Deinem Artikel ein so wichtiges Thema an. Bemerkungen, wie Du sie beschreibst, einige kenne ich selbst, tun weh. Sie reduzieren einen Menschen auf ein einziges Merkmal, nämlich seine Körpergröße. Sie maßen sich an, abzuwerten, weil diese grade nicht der gängigen Mode in unserer Kultur entspricht (es gibt Länder, da sind runde Frauen wahre Schönheitsköniginnen). Gleichzeitig versuchen sie so, Anerkennung anderer zu bekommen, als witzig oder originell dazustehen, auf Kosten anderer. Dümmer, gedankenloser und primitiver geht es kaum noch.
    Trotzdem, jede dieser Bemerkungen tut weh. Man wird vorgeführt, der Lächerlichkeit preisgegeben, ist meist schutzlos, kann in so einer Situation nur verlieren. Überspielen heißt, die eigenen Gefühle zu unterdrücken, was wiederum Energie kostet. Wenn man versucht, es mit gleicher Münze heimzuzahlen, lässt man sich auf einen Wettbewerb ein, der keinem hilft. Die Wunden bleiben, denn es tut einfach weh, abgewertet zu werden. Und auch die scheinbar netten Bemerkungen (hübsches Gesicht, welch ein Klischee) beinhalten diese Abwertung.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s